Abdankungsbeispiele

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Text 1

Liebe Trauer-Familie, liebe Angehörige,

Wenn es nach H. E. gegangen wäre, sässen wir heute nicht in dieser Kapelle beisammen. Eine Abdankung nach klassischer Art wäre nicht in seinem Sinn gewesen. Er hätte weder schwarze Kleidung noch Trauerstimmung zugelassen. Viel lieber hätte er uns im Restaurant XY zusammenkommen sehen, um auf ihn anzustossen; was alle geladenen Gäste im Anschluss auch tun werden. Und doch: Wie nimmt man Abschied, indem man den Willen des Verstorbenen anerkennt und respektiert, ohne sich gleichzeitig die Möglichkeit zu nehmen, auf die eigene Art und Weise Abschied zu nehmen?

Ehrlich gesagt: Ich weiss es nicht.
Alles, was ich weiss, ist, das sich H. E. mit dem Leben stark verbunden gefühlt hatte – betraf es nun die Natur, in welcher er sich gerne aufhielt, das Essen und Trinken, welches er gerne zu sich nahm oder die geliebten Menschen und seine Familie, mit der so gerne seine Zeit verbrachte.
Auch die Verbundenheit mit der Volksmusik geht für mich ins gleiche Kapitel, obwohl sich der Rest der Familie deswegen oft etwas an die Stirne greifen musste. Offenbar fand H. E. darin aber etwas, was ihm gut tat.
Lieder wie Alls was bruuchsch uf dr Wält, das isch Liebi von Ernst Jakober, das wir eben gehört haben, mochten in H. irgend etwas zum Klingen bringen. Was genau, bleibt uns allen verborgen.

H. E. war kein religiöser Mann und es geht jetzt nicht darum, ihm irgend eine spirituelle Aura, die er zeitlebens nicht besass, künstlich überzustülpen. Nein, Gott bewahre. Wenn ich mir aber sein Leben Revue passieren lassen, so sticht mir einfach seine starke Verbundenheit mit allem Lebendigen ins Auge. Er musste Leben um sich herum haben. Es musste wachsen und spriessen; es musste etwas geschehen; sonst verlor er scheinbar rasch das Interesse. Legendär sind seine Aussprüche in der Familie, wenn er irgendwo auf Besuch war. Es verging vielleicht eine knappe Stunde, bis sein erstes so erklang, welches sich dann im Zehnminuten-Abstand wiederholte. Eigentlich meinte dieses so: «Mir reichts, ich möchte wieder gehen.» Wie so oft in seinem Leben verwandelte H. E. dieses so aber in ein Fest: «Kommt, lasst uns noch etwas trinken» oder ähnlich klang es dann aus seinem Munde. Und, obwohl dieses so jede Viertelstunde von Neuem erklang, konnte er gut und gerne noch ein paar Stunden dranhängen und das Leben und die Seinen geniessen.

Jetzt hat uns dieser lebensfrohe und bejahende Mensch für immer verlassen. Vor allem so plötzlich. Diese Unmittelbarkeit lähmt und macht hilflos. Man kann es kaum glauben und meint hin und wieder, dass alles nur ein schlechter Scherz sei und H. demnächst um die Ecke kommen wird, um zusammen anzustossen […]

Text 2

[…] Im Vers aus dem Buche Jesaja, der P’s Taufspruch war, kommt aber auch noch eine andere Realität zur Sprache, als die Realität der Ellbogen und verletzenden Tatsachen. Eine Wirklichkeit, die zu sehen und spüren um Einiges schwieriger anmutet. Eine Realität, die bei P.G. vielleicht beim Essen, beim Segeln oder dann, wenn er wieder aus seiner „Bibel“ vorgelesen und anschliessend ein äusserst exquisites Mahl auf den Tisch gezaubert hat, zum Vorschein trat.

Die Berge mögen weichen und die Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von Dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Der Gott der Bibel, der in der deutschen und italienischen Version als Erbarmer spricht, in der französischen aber als Gott, der angefüllt ist mit Zartheit und Zärtlichkeit für Dich und mich, verspricht uns hier, dass er, dass seine Gnade und dass sein Friede, Bestand haben werden, geschehe was wolle. Das anzunehmen und sich darauf verlassen zu können, finde ich schwer. Dies anzunehmen und sich darauf verlassen zu können, angesichts des Verlustes eines so geliebten Menschen, halte ich für noch schwieriger, ja, für beinahe unmenschlich. Ich selbst kann dies auf alle Fälle nicht, das weiss ich. Und, ich glaube auch nicht, dass verlangt ist, dies annehmen zu müssen. Meiner Erfahrung nach, sind Gnade und Friede etwas äusserst Diffiziles. Sie sind sehr schwer zu fassen und kaum zu beschreiben, geschweige denn einfach anzunehmen. Wenn ich selbst Gnade und Frieden erfahren darf, dann vielleicht im plötzlichen, völlig unerwarteten Besuch eines aus den Augen verlorenen Freundes, in einem wogendem Lufthauch über das in Saft stehende Korn, bei einem einfachen Essen mit einer guten Flasche Wein, in einem tiefgehenden Gespräch, in einem Moment, wo ich keine Ahnung mehr habe, wie es weitergehen soll, in einem Moment der Stille…

Wie wir im Lebenslauf gehört haben, verfügte P.G. über eine äusserst sensible Seite. Zu Tage trat diese jedoch selten. Sie musste etwas gesucht und ergründet werden, da und dort auch erahnt… Mir wurde erzählt, dass P. durch die kurze und schwere Krankheit seiner geliebten A. sehr erschüttert worden sei. Dieser schwere Schicksalsschlag, sowie seine eigene, langwierige Krankheitsgeschichte hätten ihn verändert. Er sei nachdenklicher geworden, hätte zwischendurch auch einfach einmal schwach sein können, sei weniger hart erschienen – gegenüber anderen, vor allem aber auch gegenüber sich selbst. Die harte Schale habe den weichen Kern zum Vorschein kommen lassen… Gnade und Frieden existieren für mich in ähnlicher Weise, wie P’s unbekanntere Seite. Sie sind da! – aber lange nicht immer spürbar. Manchmal werden sie übertönt von der Geschäftigkeit der Welt, von Verpflichtungen, von Wünschen, von dem Druck, sich und anderen etwas beweisen zu wollen oder zu müssen… Und das ist gut so. Ich bin überzeugt und durfte schon etliche Male selbst erfahren, dass sseine Gnade und sein Frieden eintreffen zur rechten Zeit. Gerade dann, wenn wir ihrer unbedingt bedürfen, dann sind sie da. Sie müssen gar nicht immer gespürt und erkannt werden. Sie sind da! Ich glaube, dass P.A.G. tief in sich selbst darum wusste. Er wusste, dass er aufgehoben ist und sein wird, was immer geschehen mag.

Amen.